Bericht  -SV

07. August 2004 Kuppingen - Oslo

 

Mit  Bus, S-Bahn, Intercity  und einem Flieger kommen wir problemlos in Olso bei bestem Wetter an und nehmen dies zum Anlass mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Der Busfahrer ist sehr hilfreich und verkauft uns zwei Rückfahrkarten. Er zeigt uns auch, wo wir in der Stadt den Rückbus nehmen sollten. Bei dem schönen Wetter ist natürlich ganz Oslo unterwegs und wir suchen das Hafenviertel auf, um ein wenig Atmosphäre zu schnuppern. In einem gemütlichen Biergarten trinken wir ein Bier (zu sündhaftem Preis) und gegen Uhr 10:00 wollen wir zurück ins Hotel. Dumm nur, dass uns der Busfahrer verschwiegen hatte, dass der letzte Bus um Uhr 21:33 zurückfuhr. Was tun? Gott sei Dank ist der Bahnhof nicht weit und so fahren wir mit der S-Bahn zum Flughafen zurück. Wir sind natürlich etwas sauer, da die einfache Fahrt mit S-Bahn doppelt so teuer ist wie die Buskarte. Am Flughafen angekommen sehen wir einen anderen Bus der gleichen Gesellschaft und ich gehe zum Fahrer und ich reklamiere unsere Extraausgaben und will eigentlich nur die Hälfte unserer Busrückfahrkarte zurückhaben. Nach einigem Überlegen zahlt uns aber der Busfahrer den kompletten Buspreis zurück! Das heißt, wir verdienen an dieser Fahr 20 Nkr!  Ausgesöhnt verbringen wir dann die Nacht im Radisson-Hotel  in viel zu weichen Betten. Unsere Befürchtung, wegen des Fluglärms nicht schlafen zu können, erweist sich als unbegründet. Die Zimmer sind sehr gut schallisoliert.

 

08. August 2004 Oslo - Longyearbyen

Nach einem exzellenten Frühstück schieben wir unsere Koffer wenige hundert Meter zum Flughafen und ‚checken’  ein. Weil wir sehr früh da sind kriegen wir auch einen Fensterplatz Der Flug ist ereignislos und über Spitzbergen ist es die Bewölkung so locker, dass wir schon in der Luft einen Eindruck bekommen, was uns erwartet.                     

                    

                     

Der erste Blick auf  Svalbard (Spitzbergen)

 

Position 78°14'N/15°36'E Luftemperatur ca. 5°C, bedeckt.

Auf dem Longyearbyen-Rollfeld auf der Insel Spitzbergen betreten wir arktischen Boden. Nach der zweitägigen Anreise gibt es gleich mal den ersten Frust. Unsere Hotelmanagerin, die ihre Mutter vom Flughafen abholt, hält es nicht für nötig uns am Flughafen bei der Logistik mit Bus und Gepäck zu unterstützen. Nach verschiedenen Anläufen finden wir einen Bus, der uns zum Hafen und zur Anlegestelle bringt. Dort stehen wir vor verschlossenem Schiff, da erst um Uhr 16:00 das Schiff betreten werden kann. Ein kleines Verkaufscenter bietet wenigstens eine Toilette und etwas Wärme, ist aber sonst zu.    Das Gepäck lassen wir am Kai stehen und  machen  uns zu Fuß in das kleine Örtchen auf um irgendwie die 2 Stunden bis dahin zu vertreiben. Dort kaufen wir Postkarten und Briefmarken und geben später diese in Ny-Alesund auf.   Es ist zwar kalt aber es regnet wenigstens nicht.  Um 16 Uhr können wir dann an Bord und  machen uns mit unserem neuen Zuhause vertraut. Um 17:15 Uhr geht es offiziell los, als unser Expeditionsleiter Peter uns zu einer Begrüßung und einem ersten Informationstreffen in die Bar einlädt. Nach einigen allgemeinen Erläuterungen zum Schiff stellt er uns sein Team vor, das auf der bevorstehenden Reise für unser aller Wohl sorgen soll: Troels Jacobsen aus Dänemark und Monika Schillat aus Argentinien sind unsere Referenten und Führer auf allen Landgängen. Unserer Hotel-Managerin Juliette Corssen aus Deutschland stehen die beiden Köche Renso Jansen (Niederlande) sowie Gerd Brenner (Deutschland) zur Seite, Wir hoffen, dass Bordarzt Christian Bossong, ebenfalls aus Deutschland, möglichst wenig Arbeit während der Fahrt bekommt.

Kurz vor 18 Uhr legen wir bei leichtem Regen ab und fahren aus dem kurzen Adventfjord in den Isfjord ein, den größten und längsten Spitzbergens mit seinem Panorama aus Bergen und riesigen Gletschern auf der Nordseite, begleitet von Dreizehenmöwen und Eissturmvögeln. Kurs West geht's an der russischen Bergbausiedlung Barentsburg vorbei in den Nordatlantik; dann westlich der Prins Karls Forland Insel nach Norden. Bald darauf ist es Zeit für die obligatorische Sicherheitsübung zusammen mit der russischen Mannschaft - angefangen vom Klingelalarm bis zum Vorführen der Rettungswesten und dem Einsteigen in die Rettungsboote wobei es Heidi mulmig wird. Hoffentlich tritt der Ernstfall  nicht ein!  Das Abenteuer „Hocharktis" kann beginnen! Nachts spüren wir eine leichte Dünung, aber  uns hält das zum Glück nicht vom Schlaf ab.

   
                             

                                

 

09. August 2004 14. Juli Gletscher / Kongsfjorden mit Ny-Älesund

Position um 7.00: 79°05'N/11°24'E, Lufttemperatur 6°C, bedeckt bis sonnig

Heute zeigt sich der arktische Sommer auch zunächst eher von einer ungastlichen Seite. Die Wolken hängen tief und verdecken die Bergspitzen ringsum. Wir sind inzwischen im prächtigen Kongsfjorden angekommen. Hier wollen wir am „14. Juli Gletscher“ der Arktis einen ersten Besuch abstatten. Aber vorher gibt es noch viel zu tun. Peter informiert uns über das korrekte Verhalten im Lande der Eisbären und gibt uns wichtige Tipps für die Fahrten in den Schlauchbooten (die ab jetzt nur noch mit dem Markennamen Zodiac genannt werden) - und dann ist es soweit. Wir zwängen uns in wasserdichte Hosen und Gummistiefel, kämpfen mit den Schwimmwesten, bis sie endlich richtig sitzen und vergessen auch nicht unsere kleinen Nummernschildchen zu drehen, bevor wir aufs Vorschiff gehen. Monika wartet an der Gangway, oder dem „Fallreep", wie man in Norddeutschland sagt, auf uns und sagt uns Bescheid, wann es Zeit ist, die steile Gangway zur Plattform hinunter zu steigen. Zum Glück ist die See jetzt wieder spiegelglatt, so dass der Ablauf ohne Probleme von statten geht. Matrose Roman greift beherzt mit „Seemannsgrip" nach unserem Unterarm und bugsiert uns ins Boot. Und dann geht's los. Der Wind pfeift uns um die Nase und wir sind froh über dicke Anoraks, lange Unterhosen, Mütze, Handschuhe  und dem 2.Paar Socken. Wir sind unterwegs, das Abenteuer und eine grandiose Landschaft warten auf uns.

Hier im „14. Juli Fjord“ an der Nordseite des Kongfjords, nur wenige Kilometer von Ny-Alesund entfernt, besuchen wir einen wunderschönen Gletscher mit einer sehr aktiven Abbruchkante. Zunächst geht unsere Tour entlang eines kleinen Vogelfelsens, der trotz begrenzten Raumes sowohl Dickschnabellummen, als auch Papageitauchern und Eismöwen Nistplätze bietet.  Dreizehenmöwen nisten etwas höher am Hang. Der Lärm ist atemberaubend, und wir wundern uns, dass es nicht zu mehr Flugunfällen im Luftraum kommt. Schließlich landen wir am Tundrastrand und spazieren gemütlich durch den blühenden arktischen Garten. Im Schutz der Moose und vor allem gut gedüngt durch den Vogelguano der benachbarten Kolonie, hat die Natur hier eine Vielzahl von blühenden Blumen hervorgezaubert. Wir nehmen uns Zeit das Stengellose Leimkraut, den Habichtskrautblättrigen Steinbrech und die vielen bizarren Flechten zu fotografieren, die aus dem grünen Moosteppich hervorstechen.

           
    

               

Bei der anschließenden Zodiac-Tour fahren wir an die Gletscherkante wo ab und zu große Stücke herausbrechen  und auch eine Bartrobbe fotogen auf einer Eisscholle sich wie eine Diva fotografieren lässt.

      
      

 

    
        

          

        
     

 

Nach   dem   Mittagessen fahren wir in Richtung des geschichtsträchtigen   Ortes Ny-Alesund —  eine  der wenigen   Siedlungen   auf Spitzbergen und übrigens auch die nördlichste permanent bewohnte Ortschaft der Erde. Heute leben hier nur noch etwa 100 Einwohner. Seit nach einem Grubenunglück 1962 der Abbau von Steinkohle (seit 1916 mit Unterbrechungen) eingestellt worden war, ist der kleine Ort zu einer internationalen arktischen Forschungs- und Beobachtungsstation    auf 79°N geworden: Im letzten Jahr   hatten   sich   hier Stationen     von     etwa zwanzig Nationen  eingemietet,  um   insbesondere Polar-,   Meeres-,   Atmosphären-   und   Klimaforschung zu betreiben. Eine Woche vor unserem Besuch ist nun auch eine chinesische Station eröffnet worden, und wir staunen über den bizarr geschmückten  Eingangsbereich. Die riesigen Löwenstatuen wollen nicht so recht in diese kleine  skandinavische Ortschaft passen. Alle Häuser stehen auf Stelzen und die Versorgungsleitungen sind oberirdisch  in Holztunneln verlegt wegen des Permafrostbodens.

      
    

 
Einige von uns besuchen auch das kleine Museum (in dem die Erinnerung an die Bergbau-Epoche wach gehalten wird), das nördlichste Postamt und den einzigen Laden. Eine große Bronzebüste im Ortszentrum erinnert an Roald Amundsen (1872-1928), den Bezwinger der Nordwest-Passage (1903/06) und Eroberer des Südpols (1911). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Spitzbergen - und insbesondere dieser Ort als ehemalige „Hauptstadt" Svalbards - als strategisch guter Ausgangspunkt für Nordpol -Expeditionen. Monika bietet für geschichtlich Interessierte eine Exkursion zum historischen, stählernen Luftschiff-Haltemast am östlichen Ortsrand an und erzählt die Geschichte der wichtigsten Pol-Pioniere: Der Norweger Roald Amundsen flog 1925 von hier zusammen mit dem Amerikaner Lincoln Ellsworth (1880-1951) in den Dornier-Flugbooten „N24" und „N25" bis 88°N (ca. 230 km vom Pol entfernt), Erfolgreich erreichte das Luftschiff „Norge" im Jahr 1926 mit Amundsen, dem Italiener Umberto Nobile (1885-1978) und Ellsworth auf einer Flugroute über den Nordpol Alaska, Tragisch verlief allerdings zwei Jahre später die Luftfahrt von 16 Personen mit dem Kommandanten Nobile; Das Luftschiff „Italia" ging auf dein Eis zu Bruch, und der Schwede Lundborg rettete zunächst einmal Nobile allein mit einem Flugzeug; bei weiteren Rettungsaktionen verschwand Amundsen spurlos. Auch ein Teil von Nobiles Mannschaft wurde nie wieder gesehen, der überlebende Rest vom russischen Eisbrecher „Krassin" gerettet. In der Siedlung sehen wir auch zwei kleine ‚wilde’ Polarfüchse die  in der Sonne unter dem Küchenfenster eines ‚Restaurants’ auf Leckerbissen warten und sich durch unseren Besuch nicht sehr beeindrucken lassen!

           
           Voll von Eindrücken geht es schließlich zurück auf die Professor Multanovsky, die sich in südöstlicher Richtung auf den gewaltigen Königsgletscher in Bewegung setzt, mit dem der Kongsfjord abschließt. Kapitän und Crew manövrieren die Multanovsky bis 240 Meter vor die vier Kilometer breite Eisfront im Süden. Krachend brechen immer wieder kleinere Eisbrocken von der Gletscherwand ab und fallen in das vom tiefroten Urgestein dunkel gefärbte Wasser. Der Kontrast ist herrlich. In der Feme sieht man die drei Gipfel der 1.225 Meter hohen Tre Kroner, welche  die drei skandinavischen Königreiche  Schweden, Dänemark und Norwegen symbolisieren.

           
           

 

10. August 2004 Amsterdam- und Dansk-Inseln; 80°N & Moffen

Position um 7.00: 79°48'N/ 10°54'E, Lufttemperatur 4°C, neblig, dann bedeckt

Ein dichter Nebel hat sich heute Morgen wie ein Mantel um unser Schiff gelegt. Bären kann man so natürlich nicht frühzeitig entdecken, und wir fragen uns, ob es denn mit dem morgendlichen Landgang überhaupt was wird. Aber bald nach dem Frühstück lichten sich die Schwaden und es geht in die Boote für eine Doppellandung auf der südöstlichen Landzunge der Amsterdam-Insel (79°43'N /10°54’E) ganz im Nordwesten Spitzbergens sowie auf der gegenüberliegenden Danskoya (Dänen-Insel). Wir müssen uns in zwei Gruppen aufteilen, da laut Sysselmann  nicht mehr als 24 Personen auf einmal die Inseln besuchen dürfen. Weiter muss zu den historischen Stätten ein Abstand von mindestens drei Metern eingehalten werden! Die erste Gruppe geht auf Amsterdammoya genau an jener Stelle an Land, wo einst die seinerzeit grösste saisonale holländische Walfangsiedlung Smeerenburg ('Transtadt") zwischen 1617 und 1642 gestanden hatte. Bereits 15 Jahre nach Barents' Expedition auf der Suche nach der Nordost-Passage (1596) begann in Spitzbergen die Jagd auf Wale und Walrosse durch Europäer (Holländer, Russen, Dänen, Engländer und Deutsche - vor allem aus Friesland), die ständig auf der Suche nach den begehrten Rohstoffen Elfenbein, Barten und Tran waren. Die rücksichtslose Ausbeutung verkleinerte die Vorkommen von Walen und Walrossen, so dass die Jagd in diesen Breiten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unrentabel wurde: Man wandte sich daraufhin kurzerhand den Walvorkommen im Südatlantik zu. Ein herrlicher Sandstrand wartet auf der Amsterdammoya auf uns, und bald hat sich das Auge soweit an die flachen Strukturen auf dem Boden gewöhnt, dass wir die archäologischen Überreste der alten Tranöfen ausmachen können. Hier ist der Walspeck in noch relativ primitiv zusammen gemauerten Öfen zu Tran verkocht, in Holzfässer abgefüllt und schließlich als wertvolles Gut nach Europa geschifft worden. Im 17. Jahrhundert diente Walöl noch hauptsächlich als Beleuchtungsmittel (Tranlampen), aber auch die Farbenindustrie benötigte dringend Tran, um die Farbpartikel darin zu binden und eine andere Art Schmieröl gab es zu dieser Zeit ohnehin noch nicht. Aus den Walbarten wurde all das hergestellt, was wir heute aus Plastik kaufen können, aber die Walfänger schnitzten auf der Überfahrt auch Löffel und Gabeln daraus, als Mitbringsel für die Lieben daheim. Aus den massiven Zähnen des Pottwals fertigte man Souvenirs. Dabei wurden mit einer Nadel ganze Landschaften auf den Zahn geschnitzt, manchmal auch Szenen aus dem konkreten Leben der Wallanger. Und die legen heute noch Zeugnis davon ab, wie gefährlich die Jagd aus den zerbrechlichen Booten heraus oft gewesen sein muss.

        
            Überreste eines Ofens zum Trankochen

Aber auch auf der gegenüberliegenden Seit, auf der Danskoya atmen wir Geschichte. Viele von uns hatten sich schon lange darauf gefreut, den Ausgangshafen für die schwedische Polarexpedition des Ingenieurs Salomon August Andree kennen zu lernen. Es hatte, genau genommen, kein wissenschaftliches Interesse am Erreichen des geografischen Nordpols gegeben. Trotzdem hatte der Pol für viele, sei es aus Entdeckerfreude oder aus Ruhmsucht, große Anziehungskraft. So sah auch der Ingenieur Andree im Ballonflug die Möglichkeit, Eisbarrieren und offene Wassergräben, welche die Fortbewegung zu Lande und auf dem Wasser erschwerten, zu überwinden. Man schrieb das Jahr 1896: Montgolfiere gab es seit 100 Jahren, das Luftschiff war im Kommen, das Flugzeug aber noch ein Traum. Es gelang Andree, den schwedischen König und den wohlhabenden Alfred Nobel als Mäzene zu gewinnen, und er ließ einen Ballon in Paris bei Lachambre bauen. Er taufte das originelle Modell „Örnen" (Adler). Es war mit einem lenkbaren Segel und schweren Schlepptauen ausgerüstet, die die Ballonfahrt gegebenenfalls verlangsamen sollten. Aber auf Virgohamna, dem Ausgangspunkt der Reise hier an unserer Landestelle, verhinderten 1896 zunächst einmal ungünstige Winde den Start, Andree musste im August aufgeben, ließ das Gas aus dem 4.800 Kubikmeter großen Ballon - und verschob seine Expedition kurzerhand genau um ein Jahr. 1897 begleiteten ihn dann der Ingenieur Fränkel und der Astronom Strindberg auf seiner Ballonfahrt. Keinen der drei Männer sollte man je lebend wieder sehen.

     
       

Drei Tage nach dem Start vom 11. Juli 1987 nahm das Unglück seinen Lauf. Der „Adler" geriet in Nebel. Ein Eisfilm auf der Ballonhaut erhöhte das Gewicht und drückte das Gefährt unerbittlich in die Tiefe. Andree musste auf einer Eisscholle notlanden, 300 Seemeilen nordöstlich der Danskoya. Zwei Monate lang arbeiteten sich die Männer, die sich hauptsächlich von Bärenfleisch ernährten, zu fuss durch ein Gemisch von halbgetautem Schnee und Eis in Richtung Franz-Josef-Land vor. Sie schafften täglich nur 1 ,7 Seemeilen und waren sowohl durch die Strapazen des Marsches als auch durch unzureichende Ernährung erschöpft, Anfang Oktober erreichten sie endlich festen Boden unter den Füßen, sie gelangten auf ein beinahe vollständig von Eis bedecktes Eiland im äußersten Nordosten von Svalbard. Diese kleine Felseninsel, mit Namen Kvitoya, wurde zu ihrer letzten Zuflucht. Erst 33 Jahre später entdeckte man ihre Leichen, Tagebücher und belichtete Filme, die in hermetisch geschlossenen Metalldöschen unversehrt geblieben waren. Die faszinierenden Texte und Fotos sind die einzigen Zeugen ihrer Expedition.

Auf der Danskinsel ist noch immer die Kuhle zu sehen, in der die Gondel des Ballons gestanden hat, Ein kleines Denkmal ist Andree zu Ehren dort errichtet worden, wo ursprünglich der Ballonschuppen gestanden hatte. Aber es sind auch noch Überreste anderer Polarexpeditionen zu sehen. Im frühen 20. Jahrhundert wollte der Nordamerikaner Walter Wellman mehrmals mit einem Luftschiff von Virgohamna aus zum Pol zu starten. Alle seine Versuche in den Jahren 1906, 1907 und 1909 misslangen. Grosse Mengen von Eisenspänen erinnern daran, wie damals aus der Verbindung von Eisen und Schwefelsäure das nötige Wasserstoffgas  für den Ballon hergestellt worden ist. Auch die Überreste von Wellmans Hangar und seinem Haus sind noch immer so gut erhalten, dass man einen Eindruck davon bekommen kann, wie sich seine Abenteuer hier abgespielt haben müssen.

             
       

 

Nachmittags lädt Monika uns dann zu einem Vortrag über den Walfang in Spitzbergen und anderswo ein. Dabei erzählt sie uns manche Details aus dem Leben der Walfänger, über die Gefahren ihres Geschäfts und den Alltag in Smeerenburg und auf den Schiffen im 17. Jh. Die Bilder, die sie uns zeigt, um zu veranschaulichen, wie Wale an Land und später auch auf Fabrikschiffen verarbeitet wurden und leider auch noch werden, sind zum Teil sehr schwer zu ertragen. Aber wir halten durch und diskutieren anschließend noch eine Weile über den modernen Walfang und seine fatalen Auswirkungen auf einige vom Aussterben bedrohte Arten, wie etwa dem Blauwal.

Aber der Tag ist natürlich längst noch nicht zu Ende. Wir sind auf dem Weg nach Norden und zwar soweit wie möglich. Um 17.30 Uhr kommen wir auf dem Vordeck zusammen, um ein besonderes Ereignis zu feiern. Wir haben die magische Position 81° Nord erreicht. Nach alter seemännischer Tradition stoßen wir am Bug standesgemäß mit einem Gilas Kräuterschnaps auf den Anlass an. Peter lässt es sich nicht nehmen, mit seinem GPS die exakte Position festzustellen und uns auf dem Laufenden zu halten, bis wir den gewünschten Breitengrad tatsächlich erreichen.

Auf dem Weg nach Norden gelangen  wir in die unmittelbare Nähe der Insel Moffen. Seit 1983 ist sie zum Schutzgebiet für Walrosse erklärt worden und darf von Juli bis Anfang September nicht betreten werden.

       
         

Mit dem Schiff darf man sich auch nur noch bis auf 300 m nähern. Heute hält der Kapitän die Professor Multanovsky auf 600 m Abstand, was bei der der starken Strömung und den drohenden Untiefen gar nicht so einfach ist. Peter kann etwa 140 Walrosse am Strand ausmachen, die eng aneinander geschmiegt auf dem flachen, steinigen Strand ruhen. Wir fragen uns, wie sie es schaffen, sich dabei nicht gegenseitig mit ihren riesigen Hauern zu verletzen. Auch wenn sie nicht so aussehen, müssen die Tiere zartfühlend genug sein, um sorgfaltig miteinander umzugehen. Zwei Zwergwale ziehen am Schiff vorbei. Sie blasen ein paar Mal, dann sind sie wieder weg.

Später abends kommen wir an Grahuken (benannt nach den dort an stehen den grauen devonischen Tonschiefern an der westlichen Spitze der Wijdefiorden-Mündung vorbei, wo heute noch jene Hütte steht , in der Christiane Ritter 1938 mit ihrem Mann und einem Jagdgefährten überwinterte und darüber ein Buch veröffentlichte: „Eine Frau erlebt die Polarnacht".

11. August 2004 Alkefjellet / Hinlopen - Faksevägen / Lomfjord

Position um 7.00: 79"35'N/18''43'E, Lufttemperatur 2°C, Regen

Der Tag beginnt unweit des Vogelfelsens Alkefjellet, südlich des Lomfjords in der Einsteigen. In vier Booten fahren wir dann an die mächtigen Basaltsäulen heran, die Hinlopenstrasse. mit heftigem Wind und Wellengang. So .schnell kann sieh hier das Wetter ändern! Unser Ziel bleibt trotzdem das Alkefjellet, auch wenn die Zodiac-Tour verspricht turbulent zu werden. Kabbelige Wellen schlagen an die Gangway. Vorsichtig warten wir auf die Kommandos und die helfenden Hände unserer Zodiac-Fahrer um zum Alkfjellet, der hunderttausend Dickschnabellummen als Brutplatz dient, gebracht zu werden. Wir wundem uns, dass sie auf den unwirtlichen Felsvorsprüngen überhaupt Platz genug finden,   ihr einziges   Ei auszubrüten und   später dann  ihr Junges aufzuziehen. Aber schnell wird uns deutlich, dass so ein Balkonplatz ja auch seine Vorteile hat. Besonders vor Füchsen sind die etwa  40 cm großen Vögel hier geschützt. Den Wärmeverlust auf den Felsen gleichen sie dadurch aus, dass sie das Ei regelmäßig zum Körper hindrehen. Jetzt im August sind die Lummen aber bereits damit beschäftigt, ihre Jungen zu füttern. Die schweren Vögel wechseln sich dabei ab, und wir können kaum fassen, wie viel ungeregelter Flugverkehr hier ohne nennenswerte Unfälle vonstatten geht. Hin und wieder kommt es zu rasanten Ausweichmanövern unter den Vögeln, aber auch Bauchlandungen auf dem   Wasser   und   regelrechte   Streitereien   können   wir   beobachten. Dickschnabellummen sind auch sonst erstaunliche Tiere. Das Küken braucht eigentlich sechs Wochen, um flügge zu werden; aber soviel Zeit bleibt den Vögeln im kurzen arktischen Sommer nicht: Nach nur drei Wochen muss der Jungvogel den Felsen verlassen, um gemeinsam mit dem Vater die lange Reise nach Süden anzutreten, wo beide dann auf offener See überwintern. Halb flatternd, halb stürzend, lassen sich die Jungvögel dann in Scharen vom Felsen fallen.

              
      

Unsere Rückfahrt zum Schiff wird recht stürmisch. Der Wind hat noch zugenommen und so dreht der Kapitän das Schiff, um uns Windschatten an der Gangway zu geben. Etwas nass sind wir zwar geworden, aber das Abenteuer hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ein Mann bekam aber solche Angst, dass dies seine letzte Zodiac-Fahrt war.

Nachmittags kommen dann die Bergwanderer unter uns auf ihre Kosten. Kapitän Babkin lässt am Faksevägen    ankern,    einem kleinen Seitenfjord des Lom-fjordes. Die Zodiacs bringen uns an einen flachen Kiesstrand und dort teilt sich unsere Gruppe. Troels führt eine gemütliche Tundragruppe und Peter nimmt die Trittfesteren von uns mit hinauf auf einen nahen Bergrücken. Nicht nur die herrlichen Ausblicke auf den gegenüberliegenden   Gletscher,   sondern auch unsere Begegnungen mit dem Spitzbergenrentier sind der Lohn für die Mühe. Am Ende eines  langgezogenen   Tundrarückens öffnet sich der Blick auf eine faszinierende junge Moränenlandschaft,   die   erst   vor wenigen Jahrzehnten vom Gull-faksebreen freigegeben worden ist.   

            
             

Ungezähmte    Schmelzwasserbäche mäandern durch das Pakse-Tal zum Lomfjord hin. Wir   bestaunen   auch   zwei mächtige Ausflussgletscher  der gegenüber liegenden Eiskappe des Valhallfonna. Leider bläst ein kalter Wind von den Gletschern her, und niemand hat so richtig Lust darauf, sich hinzusetzen und die Eislandschaft auf sich wirken zu lassen. Stattdessen machen wir uns wieder warm, in dem wir auf dem Rückweg den nur leicht ansteigenden Berghang erklimmen - und ehe wir uns versehen, stehen wir einen Steinwurf vom „Gipfelgrat" dieser Hügelkette entfernt. Die Besteigung bis auf rund 320 m über Meer lassen wir uns nicht nehmen!

               Der mächtige erratische Block, der seit Jahrhunderten dort oben ausgerechnet mitten auf dem Grat balanciert, sorgt für tolle Schnappschüsse. Weit unter uns das Schiff im Fjord, die Jägerhütte, die alten Strandlinien, Berghänge mit seltsamen geologischen Formationen und eine weite Sicht bis in die Hinlopenstrasse. Gegen 17 Uhr erreichen auch die „Gipfelstürmer" wieder den Landeplatz und die Zodiacs. Troels Gruppe erlebt  eine Besonderheit: 8 der sehr seltenen Elfenbeinmöwen sind zu bewundern und zwei der Teilnehmerinnen versacken bis zu den Knien im Treibsand.

 

12. August 2004 Faksevägen / Lomfjord & Eolusneset / Sorgfjord

Position um 7.30: 79°33'N/17°43’E, Lufttemperatur 5°C, bewölkt

Auch heute erwartet uns wieder ein ereignisreicher Tag. Wir liegen noch immer im Lomfjord vor Anker, denn heute morgen soll der Hubschrauber des Sysselmann aus Longyearbyen kommen, um zwei unserer Mitreisenden dorthin zurückzubringen. Sie müssen wegen eines Todesfalls dringend nach Hause.

Troels lädt uns nach dem Frühstück in den Vortragsraum zu einer Einführung über Alkenvögel ein. Wir erfahren viel Wissenswertes über den berüchtigten „Lummensprung" der Dickschnabellummen, und können kaum fassen, welch gewaltig lange Strecken die Vögel im Herbst und Winter schwimmend zurücklegen können. Es ist begreiflich, dass Troels von den drahtigen Kerlen fasziniert ist. Auch uns steckt er mit seiner Begeisterung an.

In der Zwischenzeit ist auch der Hubschrauber gekommen und so können wir bald Anker lichten und in Richtung Hinlopenstrasse aufbrechen. Später öffnet der Multanovsky Shop seine Pforten. Juliette hat die Bar in einen kleinen Laden mit Fleece-Jacken, T-Shirts, Büchern und Souvenirs verwandelt. Am Nachmittag verschlechtert sich das Wetter dann merklich. Schnee fliegt waagerecht am Schiff vorbei, der Wind nimmt stetig zu. Peter sucht nach einem windgeschützten Platz für eine Nachmittagslandung und brütet über der Seekarte. Schließlich versuchen wir unser Glück mit dem Sorgfjord - nachdem uns der Wind und die Wellen von Sparreneset vertrieben hatten - und landen auf Eulusneset. Das Wetter ist zwar immer noch regnerisch und auch ein kurzer Graupelschauer bricht über uns herein, aber es ist herrlich sich die Beine auf der weichen weiten Tundra vertreten zu können.

Neben der Landestelle gibt es ein Kreuz und einen kleinen ‚Friedhof’. Die Gräber sind durch aufgeschichtete Steine als Schutz gegen Eisbären gut zu erkennen. Die Erosion lässt in einigen Gräbern aber doch auch noch Knochen früherer Walfänger erkennen. Ganz in der Nähe ist auch noch eine Jagdhütte.

        
       

B eeindruckend die alten Gräber: Die Toten wurden sehr würdevoll bestattet, aber wegen des Permafrostes nicht sehr tief. Dicke Steine sollten verhindern, dass Eisbären die Gräber aufbrechen.

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13. August 2004 Isflakbukta / Phippseya & 81°N  & Kapp Wrede

Position um 7.00: 80°36’N / 20°56'E, Lufttemperatur 1-2°C, leicht bedeckt

Über Nacht haben wir Kurs auf die Sjuoyane, die Siebeninseln genommen. Dies ist die nördlichste Inselgruppe Svalbards und damit Westeuropas. Unsere geplante Anlandung in der Isflaktbukta auf der Phipps-Insel liegt auf 80°42'N und wird somit die nördlichste Landung auf dieser Reise sein. Sie wurde nach dem britischen Marineoffizier Phipps benannt, der 1773 eine Spitzbergen-Expedition leitete.

Die Zodiacfahrt ist wieder etwas bewegt und dauert  etwa 15 Minuten. Hier ist das Wasser so seicht, dass der Kapitän unser Schiff ausnahmsweise nicht so dicht an den Strand bringen kann, wie er gerne möchte. Kurz vor dem Strand machen wir ein paar männliche Walrosse im Wasser aus, Einige dieser schwimmenden Kolosse nähern sich uns, und wir haben so die einmalige Chance, diese Charaktertiere der Hocharktis aus wenigen Metern Entfernung beobachten zu können. Vom Wind zerzaust landen wir schließlich am Strand der Isflaktbukta. Im flachen Wasser des Ufers sehen wir auch zum ersten Mal Krill. Hunderte schwimmen und werden auch von den kleinen Wellen ans Ufer angespült  wo wir  uns die kleinen Krebse genau ansehen können.  Schon vom Boot aus hat Peter ein totes Walross in  der Nähe der kleinen Jagdhütte am Strand ausgemacht. Das ist zwar kein schöner Anblick und stinken tut es auch, aber es gibt uns doch die einmalige Gelegenheit, einmal ganz dicht an einen dieser Kolosse heranzutreten. Das Tier scheint auf natürliche Art verendet zu sein, zumindest können wir keinerlei Zeichen von Gewaltanwendung feststellen. Einer der Stoßzähne ist bereits aus dem Mund gefallen, und auch sonst ist der Körper in einem fürchterlichen Zustand, angefüllt mit Verwesungsgasen und sicherlich kurz davor zu explodieren. Wir sind vorsichtig und fassen das Biest nicht an. Aber wir haben uns ja außerdem auch noch vorgenommen ins Innere der Insel zu wandern und brechen bald in zwei Gruppen geteilt auf.

 
 

Es geht zuerst entlang einer ziemlich frischen Bärenspur, dann über Gletschergeröllhalden und uralte Strandlinien stetig bergauf. Und während eine der Gruppen die Aussicht über einen stillen Bergsee auf die Meeresküste genießt, geht die andere über einen Moränenrücken und kann von dort weit über das Meer quasi bis zum Nordpol schauen. Hier betätige ich mich künstlerisch (sehr zum Missfallen von Peter). Ich baue aus einem alten verrostetem Ölfass, einem dicken grünen Seil und bunten Kugeln von Fischernetzen eine vergängliche  Kreation, die den nächsten Sturm garantiert nicht überstehen wird.

         
  An Bord zurückgekehrt, machen wir uns auf in Richtung Norden mit dem Ziel „81. Breitengrad Nord". Anschließend ist es dann wieder Zeit für ein bisschen Geschichte mit Monika. Sie zeigt uns historische Fotos von der Ballonexpedition Salomon August Andrees und zeichnet uns ein Charakterbild dieses kauzigen Polarforschers.

Wenig später, gegen 16.30 Uhr ist es schließlich soweit, und wir erreichen den 81. Breitengrad. Hier misst der Erdumfang nur noch 6.290 Kilometer, und die Distanz zum Nordpol beträgt nur mehr 999 Kilometer. Das sind nun wirklich genug Gründe zum Feiern. Peter und Juliette laden uns zu einem Toast mit heißem Kakao und Rum aufs Vordeck ein. Die Sonne strahlt auf uns herab und es scheint schier unglaublich, wie ‚warm’ es plötzlich wird, hier oben in der Hocharktis. Nach dem Abendessen lädt unser Expeditionsleiter noch zu einer Pionierlandung nach Kapp Wrede am Zorgdragerfjorden ein. Diese Anlandung lassen Heidi und ich  ausfallen, denn vom Schiff aus erscheint  das Gebiet nicht attraktiv zu sein, auch wenn bisher niemand von der Crew oder der Staff   jemals hier gewesen ist, und auch sonst das Kap nicht stark besucht zu sein scheint.

14. August 2004 Andreeneset und Kraemerpynten / Kviteya

Position um 7.30: 80°06’N / 30°59’E, Lufttemperatur 1°C, bedeckt

 

Auch heute erwartet uns wieder ein spannender Tag. Das Packeis lässt zwar auf sich warten, aber noch vor dem Frühstück sichtet Peter die ersten Eisbären an der fernen Küste von Kvitoya. Zwar sind sie vorerst nur als „gelbe Flecken" zu sehen, aber die Spannung steigt, als wir uns für unseren Landgang fertig machen. Unser erster Ausflug führt uns heute nach Andreeneset auf der entlegenen Insel  Kvitoya, der Weißen Insel. Nicht viele Schiffe wagen sich in dieses Gebiet, da der Nordosten Svalbards meist das ganze Jahr vom Packeis eingeschlossen ist. So sind wir froh, dass wir zu den wenigen Besuchern auf dieser beinahe völlig von Eis bedeckten, 700 Quadratkilometer großen, abgelegenen, linsenförmigen Insel zählen, die dazu noch sehr geschichtsträchtig ist.

Nach einer langen Zodiacfahrt in starker Dünung erreichen wir die Küste von Andreeneset. Peter deutet auf einen Eisbären, der behäbig am Strand entlang trottet. Schnell kommt er näher, wir halten die Luft an und bereiten unsere Kameras vor. Unser erster Bär schaut uns direkt an, verliert auch später nie den Blickkontakt mit uns, als er am Küstenstrich weiterläuft. Die Landschaft ist karg, steinig und unser Bär fantastisch gut getarnt, würde er nicht laufen, wäre er wohl schlecht zu erkennen.

       
       

Am nahen Strand sehen wir von den Zodiacs aus das Monument mit der Gedenktafel für die Andree -Expedition, aber keiner von uns schaut so richtig hin. Wir sind viel zu sehr auf unseren ersten Bären konzentriert. Erst als dieser, oder besser gesagt diese, denn sie wird schnell von Peter und Troels als junge Bärin identifiziert (erkennbar woran????), selbst ein bisschen Interesse für die lokale Geschichte zeigt und direkt auf das Monument zugeht, wenden auch wir unseren Blick in diese Richtung und können sogar die Steinspalte ausmachen, in der einst der junge Astronom Strindberg von seinen Gefährten im Oktober 1897 zur letzten Ruhe gebettet worden war. Die Bärin ist nicht allein: Auf halber Höhe der Eiskappe wandert noch ein weiteres Tier unentschlossen hin und her. Voll von faszinierenden Eindrücken fahren wir durchgefroren zurück zum Schiff, um uns für den Nachmittag zu stärken. Wir fahren an der Nordküste Kvitoyas entlang, um an die Nordostspitze zu gelangen, nach Kraemerpynten. Diese Kies- und Geröllzunge ist Svalbards östlichster Zipfel und nur noch 94 Kilometer von der Victoriu-Insel entfernt, die bereits zum russischen Franz-Josef-Land gehört! Peter und der Kapitän haben eigentlich damit gerechnet, hier auf loses Treibeis zu stoßen. Aber das Eis bleibt aus.

Nachmittags lädt Peter uns zu einer Zodiactour zum wohl verlassensten Flecken Spitzbergens ein, nach Kraemerpynten. Walrosse tummeln sich in großen Gruppen im Wasser, und wir nehmen uns Zeit, große schwere Eisstücke zu umrunden. Der Gletscher muss kürzlich gekalbt haben. Für unsere Fahrer ist es gar nicht so einfach, sich durch diese steinharte, schwappende Masse einen Weg in Richtung Strand zu bahnen. Aber damit nicht genug, werden nun auch die Walrosse immer zutraulicher. In losen Gruppen nähern sie sich neugierig den Booten.

 
    

      

   
  

      

 
 

Unsere Fahrer versuchen sie mit Paddeln von den Luftkammern der Zodiacs fern zuhalten, Monika beschimpft die Tiere sogar. Walrosse haben riesige Hauer und sind es gewöhnt, diese als Hebel anzusetzen, um sich auf Eisschollen zu wuchten. Und sicher nehmen sie ihre Zähne auch gern in Anspruch, um Materialien zu prüfen. Und plötzlich ist es dann soweit. Eins der Tiere stößt aus der Tiefe kommend seine Hauer in den Ponton von Peters Boot. Zischend entweicht die Luft aus einer der Seitenkammern. Im Boot halten dafür gleichzeitig alle die Luft an... Schnell steigen Peters Passagiere in andere Boote um, darunter auch wir, und die Fahrt geht weiter. Inzwischen heißt es: „Bären"". Ein Bär läuft auf dem Moränengrat an der Küste entlang.

              

 

             

Ein anderer schlendert an der Eiskante hoch - und ein dritter dreht uns den Rücken zu und schläft unbeeindruckt weiter. Nur einmal streckt er seine Beine, dreht sich aber nicht zu uns um. Der Verdauungsschlaf scheint wichtiger zu sein. Kurz sehen wir sein Fell im Sonnenlicht aufleuchten. Peter sichtet noch einen weiteren Bären an der Küste, aber als wir darauf zufahren, hören wir plötzlich einen Aufprall - Ein großer Walrossbulle ist Monikas und Igors Boot, in das ich und andere Minuten zuvor umgestiegen waren,  unter Wasser gefolgt, hat dann noch unter Wasser seine Zähne in den Zodiac-Bug geschlagen und dann aber schleunigst das Weite gesucht. Die Spitze des Bootes wird sofort schlapp, die Luft entweicht sofort aus dem 50 cm langen Riss, und wieder müssen wir umgeladen werden. Der ganze Vorfall war überhaupt nicht lustig, wenn man sich überlegt, dass wir ja auf dem Gummiwulst des Bootes sitzen. Steigt das Walross nämlich etwas höher kann es sich mit seinen Stoßzähnen in den Gürtel der Schwimmweste einhaken oder auch gleich seine Hauer direkt in den Rücken des dort Sitzenden bohren und denjenigen dann ins 2° kalte Wasser in die Tiefe ziehen!!!!! Dieser 2.Angriff war dann Anlass, schleunigst umzudrehen und zum Schiff zurückzukehren. Keiner hat dagegen protestiert!

Am Abend haben wir dann noch einen schwimmenden Eisbären gesehen. Es ist erstaunlich, wie schnell so ein Tier schwimmen kann.

        
   

 

15. August 2004 Am Bräsvellbreen / Nordaustlandet, danach Treibeissuche Richtung Kong Karls Land

Position um 7.00: 79°11'N/24°18’E, Lufttemperatur 0-1°C, bedeckt, trüb dann sonnig

Heute besuchen wir den wohl eindrucksvollsten Gletscher Nordeuropas. Zunächst ist der Himmel noch ein wenig verhangen, aber bald lichtet sich die Wolkendecke und wir haben herrlichstes Wetter am Bräsvellbreen. Eine riesige blaue Gletscherwand taucht vor uns auf. Der Bräsvellbreen hat eine imposante Gesamtfläche von ca. 1.100 km2 (dies entspricht etwa der 15-fachen Fläche des Aletschgletschers in der Schweiz, dem größten Gletscher der Alpen!) und ist Teil des riesigen Plateaugletschers Austfonna, der selbst mit einer Fläche von etwa 7.000 km' der größte Gletscher Europas ist. Seine Gletscherfront ist mit fast 200 km die längste der Nordhalbkugel, und in der Tat erstreckt sie sich soweit das Auge reicht. Die Eiskappe vor uns ist 750 m mächtig und hat das Grundgestein mit ihrem Gewicht auf 100 m unter den Meeresspiegel gedrückt.

 
    

     

Spektakuläre Wasserfälle der Schmelzwasserflüsse entlang der endlos scheinenden Eiswand werden zu weiteren Höhepunkten. An manchen Stellen haben sie Eishöhlen geschaffen, in denen Stalaktiten meterlang von der Decke hängen.

       
  

 

Auch der Rest des Tages ist dem Eise gewidmet. Heute geht es ins Packeis! Nach einer langen „Fahrt ins Graue" erreichen wir am Nachmittag gegen 15.30 Uhr die Packeisgrenze nach einer gehörigen Portion Rätselratens, ob überhaupt noch irgendwo Meereis anzutreffen ist... Wir fahren durch die mal dichteren, mal locker aufeinander folgenden Eisschollen. Der Steuermann lenkt die Professor Multanovsky souverän um Meereisschollen und kleine Eisberge herum, manchmal zerteilt der Bug unseres Schiffes größere flache Treibeisflächen oder schiebt schwere, aus mehrjährigem Eis bestehende Schollen kurzerhand zur Seite.

 

Auch nach Bären halten wir Ausschau. Man sollte meinen, dass dieses Gebiet mit den losen Eisschollen und verstreuten Eisbergen ein ideales Jagdgebiet für die weißen Kolosse sein sollte . Auch Robben sehen wir vereinzelt - aber die Bären bleiben aus.

     

    16. August 2004 Rindedalen / Barentsoya; Dolerittneset / Edgeaya

    Position um 6.30: 78°14’N/21°53'E, Lufttemperatur-1°C, bedeckt, hell

Unser erster Ausflug sollte heute eigentlich zur Würzburger-Hütte bei Sundneset auf der Barentsinsel gehen, aber schon als wir uns zum Frühstückstisch aufmachen, hören wir Peters Ansage über den Lautsprecher: Am gesamten Uferbereich liegt dichtes Treibeis, ein Durchkommen mit den Schlauchbooten ist unmöglich. Schnell sucht unser Fahrtleiter nach einer Alternative, um doch noch auf der Barentsoya anzulanden - und findet sie im Rindedalen, einem wunderschönen Tundratal, nur 4 Seemeilen entfernt. Das Licht ist diffus und der Himmel bleiern als wir ausbooten. Die Stille der Tundra wird nur durch die Durchsagen des Kapitäns auf Peters VHF-Funkgerät unterbrochen. Er will, dass wir sobald wie möglich zurück an Bord kommen: Das lose Packeis ist durch die enorme Strömung von etwa 4 bis 6 Kilometern pro Stunde (!) um das Schiff zusammengezogen worden, es wird Zeit den Rückweg anzutreten, falls wir das Schiff noch erreichen möchten... Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, ein paar Mal in die Knie zu gehen, um die wunderschönen kleinen Pflanzen zu bewundern. Hier wächst der zarte Nickende Steinbrech im Windschutz der Steine, und es gibt gelb leuchtende Felder von Moorsteinbrech und Hahnenfussgewächsen. Moospolster und kleine Oasen mit Fadensteinbrech bilden einen aufregenden Kontrast zu den grauen Geröllfeldern. Schließlich steigen wir aber doch in die Boote und unsere Fahrer bringen uns im gekonnten Zickzackkurs durch das Schollengewirr zum Schiff zurück.

 
   

Der Anker wird mit einigen Problemen gelichtet (weil sich bereits große Eisschollen an den Bug pressen ) und weiter geht's zum Kapp Lee am Dolerittneset auf der Edgeoya. Gegen 11.30 Uhr ankern wir dort und können schon von Deck aus eine große Gruppe Walrosse ausmachen, die sich am Kap einen gemütlichen Schnarchplatz gesucht hat. Wir werden also besonders langsam mit den Schlauchbooten fahren müssen, um die Tiere in ihrer Ruhe nicht zu stören – und in gehörigem Abstand!

         
         

       
            

Später am Strand pirschen wir uns dann in geordneter Formation an die ruhenden Tiere heran. Wir bleiben immer wieder stehen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich an unsere Silhouette zu gewöhnen . Das klappt gut, die Kolosse fühlen sich zum Glück von uns nicht gestört und machen mit ihrem Leben einfach so weiter wie bisher. Am Strand ist viel los; es befinden sich gut 80 bis 100 dieser hocharktischen Charaktertiere vor uns. Einige der Walrosse baden in den Wellen, wälzen sich genüsslich auf dem Meeresboden in Strandnähe, schubbern ihren Rücken im Wasser und am Strand. Vereinzelt kommt es sogar zu Zärtlichkeiten. Andere liegen schwer schnarchend am Strand, eng beieinander im Päckchen. Wissenschaftler nennen diese Sucht nach Körperkontakt „Thickmotaxis", sie gibt den Tieren ein Gefühl von Sicherheit. Praktisch ist das sicherlich auch. Sie kratzen sich gegenseitig den Rücken und halten sich warm. Hin und wieder hören wir die Urviecher auch pfeifen. Das ist interessant, denn normalerweise verständigen sich Walrosse nur unter Wasser durch Pfeiftöne. Auch sonst geht es eher lautstark in der Gruppe zu. Es wird gegrunzt und sogar gehustet. Und die Akustik ist in dieser kleinen Bucht geradezu ideal! Wir müssen uns schon sehr beherrschen, um nicht lauthals zu lachen. Schließlich wollen wir die Tiere ja nicht verschrecken.

          
          

Etappenweise ziehen wir uns von den „Schnarchern" zurück und machen uns auf in die Tundra. Peter führt uns tief hinein ins Rosenbergdalen, Troels und Monika begleiten eine weitere Gruppe über die Basaltlandschaft am Strand und den Hang hinauf. Auf unserer Wanderung sehen wir jede Menge abgeworfener Rentiergeweihe und auch Überreste von Bärenskeletten. Beide Gruppen haben heute das Glück, Rentiere aus der Nähe beobachten zu können und dann bricht auch noch die Sonne durch, und wir gönnen uns eine wohlverdiente Pause in der Tundra. Auf dem Rückweg versackt Monika bis zu den Knien in der schluckenden Tundra. Ihre größte Sorge gilt dem Gewehr. An Bord wartet dann noch eine Überraschung auf uns. Unsere Köche Renzo und Gerd haben gemeinsam mit dem Koch der russischen Mannschaft, Dimitry, ein Barbeque vorbereitet. Gegessen wird an Deck. Die Stimmung ist großartig und die arktische Kälte kühlt das Grillgut so schnell ab, dass keine Gefahr besteht, sich den Mund zu verbrennen!

17. August 2004 Hornsund

Position um 7.00: 76°28'N/15°56’E, Lufttemperatur 2°C, Hochnebel - sonnig

Gerade eben hat unser Schiff bei der Umrundung des Sorkapps den südlichsten Punkt unserer langen Reise passiert: 76°22'N. Heute wollen wir den ganzen Tag lang vom Schiff aus den Hornsund erkunden, in seine Buchten und Fjorde vordringen und die riesigen Abbruchkanten seiner Gletscher abfahren.

Noch sind wir einige Seemeilen von der Fjordeinfahrt entfernt. Troels nutzt die Chance und erzählt im Vortragsraum über die Biologie der Eisbären. Danach ist es soweit: wir erreichen die Vestre Burgerbukta, einen nördlichen Seitenfjord des Hornsundes.

   
    

     
     

 

Im Fjord ist es ganz still, das Wasser spiegelglatt. Eisberge, zum Teil recht groß, gleiten an uns vorbei und spiegeln sich im Fjord. Bartrobben dösen auf Eisschollen und auch ein paar Ringelrobben   können   im Wasser ausgemacht werden. Dann bricht auch noch die Sonne durch und macht unser Fotografenglück komplett. Kurz vor dem Mittagessen gehen unser Koch Renso und der Kapitän dann auch noch in den eisigen Fluten schwimmen. Sie haben sichtlich ihren Spaß und wir machen natürlich einige Bilder von dem Spektakel.

 
  

Unsere Brückencrew fährt das Schiff wenig später vorsichtig durch loses Treibeis in die Nähe der gut 5 Kilometer langen Gletscherkante des Storebreen. Wieder genießen wir die Reflexe auf dem Wasser und die unmöglichen Formen der kleinen Eisberge und Schollen genauso wie den riesigen Schwarm von Dreizehenmöwen, der sich am Austritt eines Schmelzwasserstroms zusammengefunden hat. Hier wirbelt das fließende Wasser Nährstoffe vom Grund des Fjords auf.  Als letzten der zahlreichen Seitenfjorde des Hornsundes besuchen wir den Samarinfjord mit dem gleichnamigen Gletscher. Der 1431 m hohe Hornsundtind, der höchste Berg des südlichen Spitzbergens, thront majestätisch über diesem schmalen, wunderschönen Fjord.

   
   

Vor dem Abendessen kommen wir alle noch einmal zusammen in der Bar. Peter dankt der russischen Crew, vor allem dem Kapitän, dem Schiffsarzt und den Ocen-Wide-Angestellten für eine schöne Svalbard-Reise. Diese ganze „Nacht" fahren wir entlang der atemberaubenden Küste Spitzbergens, biegen am frühen Morgen in den Isfjord ein und erreichen schließlich das Pier von Longyearbyen.

 

 

 

 

18. August 2004 Longyearbyen

Nach einem letzten „Weckruf und einem Frühstück im Schiffsrestaurant müssen wir um 9 Uhr das Schiff verlassen.

 

Dies gibt eine letzte Chance, sich in Longyearbyen nach Souvenirs, Büchern oder Landkarten umzusehen. Am frühen Nachmittag fahren wir mit dem Bus zum nahen Flughafen. Unser hocharktisches Abenteuer ist nun zu Ende.

         
 

Gesamte Reisestrecke:

1275 Seemeilen =2361 Kilometer

                         

             3333 km  bis Kuppingen                                                         

 

18. August 2004 Tromsö

In Tromsö müssen alle das Gepäck entgegennehmen und für den Flug nach Oslo neu aufgeben. Das klappt natürlich nicht bei allen, weil sie die Durchsage nicht verstanden haben und ich organisiere eine kleine Gepäckrettungsaktion, die mir auch gelingt.

18. August 2004 Oslo

I n Oslo schlafen wir wieder im Radisson und im Flughafenrestaurant veressen und vertrinken wir unsere letzten Kronen – was nicht sehr schwer ist bei den norwegischen Preisen. Obwohl ein Bier 51 Nkr. kostet, bekomme ich für meine allerletzten 40 Nkr. noch ein volles Bier eingeschenkt – was mich sehr freut.

 

19. August 2004 Oslo

Der Rückflug ist auch wieder ereignislos und um Uhr 15:00 sind wir wieder in Kuppingen.